Moderne Ikone · 1927
Warum die Werkbundsiedlung von 1927 weit über Stuttgart hinausweist: als Manifest des Neuen Bauens, als Forschungsfeld des Wohnens und als bis heute wirkmächtiger Referenzpunkt der Architekturgeschichte.
Einordnung
Die Weissenhofsiedlung entstand 1927 im Rahmen der Werkbundausstellung „Die Wohnung". Unter der künstlerischen Leitung von Ludwig Mies van der Rohe entwarfen internationale Architekten ein Ensemble, das exemplarisch zeigen sollte, wie modernes Wohnen aussehen könnte. Kaum ein anderer Ort in Deutschland verdichtet die Ideen des Neuen Bauens so klar wie der Weißenhof.
Die Weissenhofsiedlung ist keine Freilichtmuseum der Moderne, sondern eine gebaute Debatte: über Typisierung, Rationalisierung, Grundrisse, Licht, Luft und die Zukunft des Wohnens.
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Entscheidend ist weniger das einzelne Haus als die Vielfalt der Lösungen innerhalb eines gemeinsamen Denkrahmens. Flachdächer, freie Grundrisse, serielle Elemente und neue Wohnorganisationsformen erscheinen hier nicht als Stilgeste, sondern als Antwort auf gesellschaftliche Fragen. Gerade die Unterschiede zwischen den Häusern machen den Weißenhof so lehrreich.
Wer die Siedlung besucht, sollte auch auf die topographische Lage achten. Die Häuser stehen nicht neutral im Raum, sondern bilden an der Hangkante eine sichtbare Moderne über dem Kessel. Dass Stuttgart 2027 das 100-jährige Jubiläum feiert, ist deshalb mehr als ein Jubiläumsanlass: Es ist ein Rückbezug auf den architektonischen Gründungsmoment der Stadt.
Architektonisches Labor
Unter der künstlerischen Leitung von Ludwig Mies van der Rohe entwickelten 17 internationale Architekten insgesamt 33 Entwürfe für modernes, gesundes, funktionales und erschwingliches Wohnen. Zu den Beteiligten gehörten unter anderem Walter Gropius, Hans Scharoun und Le Corbusier. Allein diese Konstellation macht die Siedlung zu einem der dichtesten architektonischen Versuchsfelder des 20. Jahrhunderts.
Wichtig ist dabei, die Weissenhofsiedlung nicht in ehrfürchtiger Kürze abzuhandeln. Ihr Rang liegt nicht nur in der späteren Berühmtheit der Beteiligten, sondern in der Radikalität des damaligen Programms. Hier wurde nicht einfach neuer Stil vorgeführt. Hier wurde die Frage verhandelt, wie Menschen in der modernen Großstadt leben sollen. Neue Grundrisse, neue Konstruktionsweisen, neue Vorstellungen von Licht, Luft, Hygiene und Alltag verdichteten sich in einem gebauten Manifest. Genau darin liegt die eigentliche Kraft der Siedlung: Sie war Ausstellung, Debatte und Provokation zugleich.
Zugleich sollte der Konflikt nicht verschwiegen werden. Die Weissenhofsiedlung war von Beginn an umstritten. Gerade in Stuttgart traf die Avantgarde des Neuen Bauens auf konservativere architektonische Haltungen. Diese Reibung ist kein Nebenaspekt, sondern Teil der Geschichte. Erst wenn man die Siedlung als umkämpften Entwurf der Moderne darstellt, wird verständlich, warum sie bis heute so stark wirkt. Architektur erscheint dann nicht als stilistische Abfolge, sondern als öffentlicher Streit über Lebensformen.
Seit Juli 2016 gehören das Doppelhaus und das Einfamilienhaus von Le Corbusier in der Weissenhofsiedlung zum UNESCO-Welterbe. Sie sind Teil der transnationalen Welterbestätte „Das architektonische Werk von Le Corbusier – Ein außergewöhnlicher Beitrag zur Moderne".
Für 2027, also zum 100. Jubiläum der Siedlung, entsteht mit dem Weissenhof.Forum beziehungsweise Besucher- und Informationszentrum ein neues Empfangsgebäude und Startpunkt für die Erkundung des Areals; der offizielle Spatenstich erfolgte im Juli 2025 im Rahmen der IBA'27. Das eröffnet die Möglichkeit, Geschichte und Gegenwart an demselben Ort zu verbinden: Die IBA'27 knüpft bewusst an den historischen Ort und seine Fragen nach dem Wohnen an — wie einst 1927.